Europa ist nicht genug

 

Als der französische Schriftsteller Victor Hugo in seiner ihm eigenen prophetischen Art Mitte des 19. Jahrhunderts diese Zeilen in sein Werk „Océan – Tas de pierres“ schrieb, konnte er kaum ahnen, in welchem Ausmaß noch Leid über Europa und die Welt kommen wird, bis sich seine Vision beginnt zu verwirklichen.

„Ich vertrete eine Partei, die noch nicht existiert: die Partei der Revolution der Zivilisation. Diese Partei wird im zwanzigsten Jahrhundert kommen. Daraus werden zunächst die Vereinigten Staaten von Europa, dann die Vereinigten Staaten der Welt hervorgehen.“

Schon sehr früh nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges trafen sich im September 1946 Föderalisten aus 14 europäischen Ländern und den USA in Hertenstein im Schweizer Kanton Luzern zu einer Konferenz, bei der das Hertensteiner Programm beraten und beschlossen wurde. In 12 Thesen wurde dafür plädiert, eine europäische Föderation zu bilden, an welcher die beteiligten Staaten einen Teil ihrer Souveränitätsrechte an eine föderative Gemeinschaft übertragen.

Diese Föderation sollte sich als Europäische Union in die UNO einfügen und eine regionale Körperschaft im Sinne des Artikels 52 der Charta der Vereinten Nationen bilden. Dadurch sollte garantiert werden, dass zwischenstaatliche Streitigkeiten gewaltfrei geschlichtet werden. Die Föderation sollte den geeigneten Rahmen dafür bilden, Europa wieder aufzubauen, zu demokratisieren und die Entwicklung auf wirtschaftlichem, technischem, sozialem und kulturellem Gebiet friedlich voranzutreiben.

Das Hertensteiner Programm gilt seit dem als Grundstein der Bewegung der europäischen Föderalisten.

 

Europäische Union und mehr

Die Weltunion der Menschheit
Die Weltunion der Menschheit

 

Das Hertensteiner Programm sieht bereits in seiner ersten These die Europäische Union als wesentlichen Bestandteil jeder wirklichen Weltunion. Warum wir eine solche wirkliche Weltunion dringend brauchen, haben wir auf einer speziellen Website dargelegt. Nach These 5 sollen auch Völker außerhalb Europas der EU beitreten können. Laut These 12 soll das geeinte Europa als Vorbild und Muster für einen Weltbund der Völker dienen.

Um die Bedeutung der Vision einer Weltunion hervorzuheben, trafen sich im August 1947 Weltföderalisten zu einem internationalen Kongress in Montreux am Genfer See. Aufgrund berechtigter Kritik an den Anfängen der UNO besprachen und veröffentlichten sie die Deklaration von Montreux. Jedoch machten nationale Machtinteressen, ideologische Differenzen und der aufkommende Kalte Krieg solche Pläne zunächst aussichtslos. Trotz anfänglicher Erfolge verschwanden viele nachfolgende Bestrebungen in der politischen Bedeutungslosigkeit. Nur die Bewegung der Weltföderalisten konnte sich, dank seriöser Arbeit als NGO bei der UNO, behaupten. Die Union der Europäischen Föderalisten gehört dazu.

 

Die Chancen nicht verpassen!

 

Es besteht also eine grundsätzliche Übereinstimmung zwischen den Föderalisten Europas und den Weltföderalisten, eine zukünftige Weltunion nach den Prinzipien des Föderalismus zu organisieren. Die Europäische Union ist eine Erfolgsgeschichte, aber noch kein föderaler Bundesstaat im Sinne der Vision von Victor Hugo. Deshalb liegt es für bekennende Europäer nahe, sich vorrangig für dieses Ziel zu engagieren und auf Angriffe von innen wie von außen zu reagieren. Dabei kann Europa bereits seinen globalen Anspruch als positives Modell geltend machen und anderen Zusammenschlüssen, wie zum Beispiel der Afrikanischen Union, behilflich sein oder die Entstehung einer Nahost-Föderation unterstützen. Auch sollten kontinentale Grenzen kein Hindernis bedeuten. Im Gegensatz zu früherem Kolonialismus, Imperialismus und heutiger kapitalistischer Globalisierung wäre das zum Nutzen aller. So könnte nach und nach aus der Europäischen Union die demokratische Weltunion entstehen.

Es ist unbedingt notwendig, dass sich Parlamente, Regierungen und Zivilgesellschaft mehr als bisher und ernsthaft um die Zukunftsperspektiven der Menschheit kümmern und klare mittel- und langfristige Ziele anstreben. Die Zeit drängt. Die Weltprobleme nehmen ständig zu. Wenn der Druck der Ereignisse steigt, demokratische Nationalstaaten, Europäische Union und Vereinten Nationen versagen, die Chancen zur Gründung einer solidarischen Weltföderation verpasst werden, müssen möglicherweise andere Kräfte die Rettung der Welt übernehmen. Dann werden Gerechtigkeit, Freiheit, Menschenrechte und Demokratie höchstwahrscheinlich keine allzu große Rolle mehr spielen.

 

„Die Zukunft hat viele Gesichter: Für die Schwachen ist es das Unerreichbare, für die Ängstlichen ist es das Unbekannte, für die Mutigen ist es die Chance."

Victor Hugo